Verfasst von: Nicolas | 16. Juni 2010

Live-Bericht: Die Uneinholbaren

„Neugier“, sagt Liliana Schmid, „das ist es, was uns immer weiter treibt. Auch nach all den Jahren wollen wir noch wissen, was hinter der nächsten Ecke ist.“ Mit ihrem Mann Emil sitzt sie in einem kleinen Hotelzimmer in Suva, der Hauptstadt von Fidschi. Die Schmids sind kurz vor dem Aufbruch, ihre kleine Reisetasche steht fertig gepackt neben der Tür. Die nächste Südseeinsel wartet, es wird das 164. Land auf der Liste des Weltrekordehepaars.

67 Jahre alt sind Emil und Liliana Schmid, neun Pässe haben sie mit Stempeln gefüllt. Sie schliefen auf einem Floß auf dem Kongo und im Ferienhaus des samoanischen Vizepräsidenten, badeten an einsamen Stränden in Malaysia und Trinidad, entkamen nur knapp bewaffneten Räubern in Mazedonien und Guatemala, überlebten Sandstürme in Saudi-Arabien und den Hurrikan „Jeanne“ in Guadeloupe.

Dabei sollte es eigentlich nur eine Verschnaufpause werden: Ein Jahr lang wollten die Sekretärin und der Buchprüfer, die beide aus der Nähe von Zürich stammen, mit dem Auto durch Kanada fahren. Sie hatten lange auf die Reise gespart, ehe sie im Oktober 1984 ihren Landcruiser per Containerschiff in Richtung Montreal losschickten und wenige Tage später hinterherflogen.

Von Familie und Freunden hatten sie sich verabschiedet, Job und Wohnung gekündigt. Die Möbel lagerten in einem Dachraum – und liegen dort bis heute. „Nach dem Urlaub hat uns das Reisevirus gepackt“, sagt Liliana Schmid, „wir sind einfach weitergefahren.“

Von Kanada aus durchquerten sie den gesamten amerikanischen Kontinent bis hinunter an die Spitze von Feuerland. 1989 setzten sie über nach Nordafrika. Vier Jahre später ging es vom Kap der Guten Hoffnung an die Westküste Australiens, von da quer durch den Kontinent und schließlich über Singapur in den Mittleren Osten. 1996 legten die Schmids eine dreijährige Tour durch Europa, Arabien und Zentralasien drauf, dann setzten sie über nach Fernost und von dort nach Nordamerika, diesmal kamen sie bis in die Karibik.

2005 machten sie sich erneut auf nach Südostasien, durchquerten Indonesien und Borneo und landeten in Neuseeland. Anfang 2009 begannen sie, die Inselstaaten des Südpazifik abzuklappern, der letzte weiße Fleck auf ihrer Weltkarte. Aus der Verschnaufpause war inzwischen ein Eintrag im „Guinnessbuch der Rekorde“ geworden: „Längste gefahrene Reise“ steht dort – rund 646 000 Kilometer in 25 Jahren auf sechs Kontinenten.

„Wir wollen fahren, bis wir neunzig sind“, sagt der braungebrannte Emil Schmid. Ob er und Liliana das schaffen, hängt vor allem von ihrer Gesundheit ab. Beide sind nicht krankenversichert, sie haben nur eine Rückholversicherung in ihrem Heimatland. „Die Schweiz müsste uns jederzeit nehmen, aber dann wären wir ein Sozialfall. Von unserer Rente könnten wir dort nicht mehr leben.“

Rund 3100 Schweizer Franken (etwa 2080 Euro) bekommen die Weltreiserentner im Monat. Ihr Erspartes vom Anfang und eine Erbschaft haben sie längst aufgebraucht. „Wir versuchen immer, so sparsam wie möglich zu leben“, betont Emil Schmid. „Geschlafen haben wir schon in Schulen, auf Kirchplätzen, in Garagen oder auf Tankstellen, nicht einmal auf den Campingplatz sind wir früher gegangen. Außerdem kochen wir immer selbst und essen nur morgens und mittags.“

Das meiste Geld verschlingt ihr Landcruiser, Baujahr 1982. Immer wieder muss etwas repariert oder ausgetauscht werden. Die Verschiffung des Wagens kostet jedes Mal mindestens tausend Euro. Aber die Schmids brauchen ihr Auto, denn ohne den Landcruiser gäbe es den Weltrekord nicht: Die Hüter des „Guinness-Buches“ bestehen darauf, dass alle Kilometer der Weltreise mit demselben Auto gefahren sein müssen. „Aber nicht mit demselben Motor, das ist ,Guinness‘ egal“, sagt Emil Schmid, der sich das Kfz-Handwerk unterwegs selbst beigebracht hat, „innen drin ist der Wagen schon lange nicht mehr derselbe.“

Der Rekord bringt dem Ehepaar Aufmerksamkeit, die beiden tauchten in Zeitungen wie der „Saudi Gazette“ oder den „Brunei Times“ auf, überall reißen sich lokale Politiker und Toyota-Vertreter um ein gemeinsames Foto vor dem Wagen. Manchmal springt ein kostenloser Schlafplatz oder eine verbilligte Schiffspassage dabei heraus.

Emil Schmid verteidigt das begehrte „Guinness“-Zertifikat mit penibel geführten Statistiken. „Es ist immer eine Jagd“, sagt er und erzählt von Luxus-Weltbefahrern, die Millionen für Wohnmobile mit Weinkellern und Satellitentelefon ausgeben, um den Rekord zu knacken. „Wir sind viel mehr in der Natur, die anderen hocken in ihren Wohnmobilen“, sagt Emil Schmid und schnaubt: „Wo bleibt denn da noch das Abenteuer, wenn ich alles haben muss, was ich zu Hause habe?“

In ihrer eigenen Heimat waren die Schmids in den 25 Jahren nur drei Mal. Fast alle Kontakte zu Freunden und Familie dort sind abgebrochen. „Sie können nicht verstehen, wie man immer in der Welt herumreisen kann“, erklärt Emil Schmid, „es ist doch so schön zu Hause, sagen sie immer, da kann man Kegeln gehen, Karten spielen oder im Chor singen. Aber das vermissen wir nicht.“ Auch jegliches Heimweh streiten die beiden ab. „Ganz selten vermisse ich vielleicht mal die Sauberkeit oder das Organisierte oder auch mal einen Schweizer Käse“, sagt Liliana Schmid nach langem Überlegen, „aber wirklich Heimweh hatte ich nie.“ Beim Reisen haben die Schmids neue Freunde kennengelernt, Reisefreunde, wie sie sie nennen. Per E-Mail bleiben sie in Kontakt und treffen sich an verschiedenen Orten der Erde wieder. „Man ist wie eine Familie, auf seine Art“, sagt Liliana Schmid.

Mehr als 70.000 Fotos haben die Schmids in den 25 Reisejahren angesammelt. Im Tagebuch auf ihrer Internetseite http://www.weltrekordreise.ch sieht man sie vor gigantischen Bauwerken, spektakulären Landschaften und filmreifen Sonnenuntergängen. Trotzdem: „Einen Ort, an dem wirklich alles stimmt, haben wir nicht gefunden“, sagt Liliana Schmid. „Irgendwas stört immer, zu viele Mücken, oder es ist zu heiß.“

Das silberne Reisejubiläum haben sie letzten Oktober auf Tahiti gefeiert – mit Dosenbier, Blumen im Haar und einer 25 aus Pappe am Auto. Gibt es eine Erkenntnis, eine Bilanz nach einem Vierteljahrhundert auf Rädern? „Die Welt ist nicht so schlecht, wie sie immer gemacht wird,“ sagt sie. „Dass wir es nie bereut haben, losgefahren zu sein“, sagt er und geht zu einem Tisch, auf dem sein Laptop steht. Er ist nervös, er muss seine E-Mails checken. Es geht um die Frachtpapiere für das Auto, das bereits am Hafen steht. Seit Monaten ist er im Kontakt mit Dutzenden Fährunternehmen, weil er den Landcruiser nach Papua-Neuguinea verschiffen will. „Wieder nichts!“, ruft er. Liliana schüttelt den Kopf. „Entweder wir gehen alle drei oder keiner“, sagt sie, „das ist Gesetz.“

Wenn es mit Papua-Neuguinea nicht klappt, wollen die Schmids dorthin zurück, wo es in all den Jahren am schönsten war: nach Afrika. „Mutterseelenallein unter dem Sternenhimmel der Sahara“, erinnert sich Emil Schmid, „da hat es mir am besten gefallen.“ Und Liliana ergänzt: „Afrika war auch eine Hassliebe, wegen der Korruption. Aber als wir mit dem Schiff aus Kapstadt wegfuhren, lief ,Jenseits von Afrika‘, und ich habe geweint.“

Quelle: FAZ.NET vom 15. Juni 2010: http://goo.gl/r8o0
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